Die Paarung

Aufklärung für das moderne „Fußvolk“und paarungswillige Wonnesöckchen

Der Supermarkt bot an diesem Tag seine kostenlose Kontaktbörse in Form einer langen Warteschlange vor den Kassen an. Wie immer wurde davon reger Gebrauch gemacht.

Mario hatte sich hinter der attraktiven Blondine Elena „eingeschlängelt“ und war sich ziemlich sicher, die nächste halbe Stunde ihren anmutigen Lavendelduft genießen zu können. Schließlich war Elenas Geldbeutel auf den Boden gefallen und er hatte ihr geholfen, die Münzen aufzusammeln.

„Danke“, vernahm Mario ihre Stimme und rückte etwas näher an die blonde Lavendeldame heran – sie konnte ja nicht ausweichen ob der Enge, die Supermärkte extra für solche Gelegenheiten erbaut hatten.
Während Mario und Elena umständlich jenen Weg suchten, der Menschen in ein ernsthaftes Gespräche vertieft, spitzte seine Socke, der schwarze Perpedes, neugierig auf das rosafarbene Söckchen mit dem eingestickten LOGO, das Elenas rechten Fuß zierte. „Donnerwetter“, entschlüpfte es Perpedes, „du bist ja ein krass geiles Megateil, und Dein eingestricktes Logo zeugt wohl davon, dass Du aus gutem Hause stammst.“ Er selbst war erst vor einer Woche von Oma Herta gestrickt worden.
„Wie heißt Du, Süße?“
„Ich bin das Finchen.“
„Cooler Name für ein Sockenmädchen. Ich bin der schwarze Perpedes, aus edel Gewolltem.“
„Aha. Na ja, für eine Standardsocke siehst Du ja ganz passabel aus. Einen interessanten Namen hast du obendrein – ganz sockenuntypisch.“
Der schwarze Perpedes schickte sich an, etwas rot einzufärben. „Mein Mario ist an deiner Elena interessiert“, lenkte er von dieser Peinlichkeit ab.
„Wie willst Du das wissen?“
„Immer, wenn er eine Dame kennen lernen will, schwitzt er mich vor Aufregung ganz nass.“
Das Finchen grinste über seinen breiten Wollrand hinaus. „Ja, und meine strapaziert mich, weil sie mit den Zehen wippt, wenn ihr ein Mann gefällt.“
„Wippt sie jetzt?“
„Ja, Perpedes, das tut sie. Und das besonders heftig.“
„Ach“, jauchzte der schwarze Perpedes, „hoffentlich kommen sie zusammen.“
„Ach. Warum denn das?“
Der schwarze Perpedes sah das Finchen mit treuherzigen Faseraugen an. „Dann könnten wir zusammen die Schublade teilen.“
Das rosa Finchen klappte etwas verlegen mit seinen Wollfadenwimpern, aber es nickte kaum merklich und hauchte verliebt: „Ja, Perpedes, mein kleines Dampfsöckchen, das wäre sehr schön.“
„Ach Finchen, mein kleines Wonneknäuel, ich hab Dich richtig lieb. Hoffentlich klappt es.“
Das rosa Finchen streckte ihrem Liebsten das LOGO entgegen, das man ihr eingestrickt hatte.
Neben diesem Logo stand eine Internet Adresse: www.logo-socken.de
„Merk Dir unsere Internetadresse, Perpedeslein.“
„Gerne, Finchenlein, wie könnte ich diese jemals vergessen, meine Teuerste.“
„Quatsch, so teuer bin ich gar nicht. Meine Geschwister sind alle gut verkauft worden – du kannst sicher sein, mich kann man sich leisten.“
„Oh Nadelstich und Häkelkrümmung“, rief Perpedes erschrocken. „Jetzt stehst Du schon an der Kasse. Gleich verlaufen wir uns, geliebtes Finchen. Dabei hab ich Dich doch sooooo wärmelig lieb. Und jetzt muss ich Dir ‚Leb wohl’ sagen.“
„Leb du auch wohl, pass gut auf Dich auf und hab noch ein langes, lochfreies Söckchenleben, mein Liebster. Und vergiss die Internet Adresse nicht. Die da oben haben bestimmt nichts für ein Date ausgetauscht. Menschen sind viel schüchterner als wir Söckchen. Na ja, liegt wohl daran, dass wir in der Waschmaschine unsere Zwillingsgeschwister verlieren und unseren Traumpartner jeweils an der Supermarktkasse.“

Finchen hatte Recht behalten. Zwar hatte Mario die schöne Elena nach ihrer Telefonnummer gefragt und die Absicht vage angedeutet, man könne sich wiedersehen, aber ihre Antwort ‚Mein Herr, wenn Sie mit mir in Kontakt kommen wollen, brauchen Sie Tiefgang’ verstand Mario nicht wirklich. So saß er am Abend traurig auf seinem Bett, dachte an die langen blonden Haare von Elena, streifte den schwarzen Perpedes achtlos ab und warf ihn entmutigt auf seinen Schreibtisch.
Der PC war eingeschaltet. So hatte der schwarze Perpedes keine Mühe, mit der Knäuelseite, die Marios großer Zeh ausgebeult hatte, die Internetseite einzugeben, die ihm seinem geliebten Finchen näher bringen sollte:

www.logo-socken.de

Als Mario das Bild auf der Titelseite von „logo-socken.de“ sah, konnte er es nicht fassen. Dort strahlte ihn die blonde Elena an, die Lavendelfrau vom Supermarkt und Mitarbeiterin von „logo-socken.de“.

Einen Tag später erfuhr er, was es mit logo-socken.de auf sich hatte und damit schloss sich der Kreislauf der Geschichte – denn schon in der Antike hatte man Kontakt ĂĽber das „FuĂźeln unter dem Tisch“ bekommen und daran hat sich bis heute nichts geändert. Doch – eines hat sich geändert: Internet Adresse oder Telefonnummer auf den Socken und das passende Logo dazu sorgen dafĂĽr, dass liebe Menschen nie den Kontakt zueinander verlieren. Und das … gab es nicht einmal in der Antike.

Nachtrag:

Der schwarze Perpedes und das rosa Finchen teilten nach Marios und Elenas Hochzeit fortan den Schubladen miteinander. Das ergab eine sehr fruchtbare Paarung, denn schon bald hatten sie sich ineinander verstrickt.

Zu dem Zeitpunkt, da Elena ihrem Mario ein kleines Mädchen gebar, füllte sich schließlich auch das hölzerne Zuhause unseres Sockenpaares mit ein paar niedlichen und süßen Wonnesöckchen. Natürlich alle mit einem erfrischenden Logo, das fortan dafür sorgte, dass immer mehr Menschen im wahrsten Sinne des Wortes in Kontakt zueinander „standen“.

So wie vor langer Zeit der schwarze Perpedes und das rosa Finchen – sozusagen als Symbol für Adam und Eva im Paradies einer lebendigen Sockenkultur.

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